{"id":443,"date":"2016-10-09T11:51:04","date_gmt":"2016-10-09T11:51:04","guid":{"rendered":"http:\/\/sperzelhp.eu\/?p=443"},"modified":"2019-01-10T11:25:52","modified_gmt":"2019-01-10T11:25:52","slug":"karmalehre-und-philosophie-als-bedingung-der-meditation-des-jnana-yoga","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sperzelhp.eu\/?p=443","title":{"rendered":"Karmalehre und Philosophie als Bedingung der Meditation des Jnana-yoga"},"content":{"rendered":"<p>Der Versuch, eine Verbindung zu formulieren zwischen westlicher Philosophie und \u00f6stlicher Weisheit ist eine meiner Arbeiten aus 12\/1999.<\/p>\n<p>Wir leben in einer unbegrenzten, unendlichen Welt, die eine sowohl denkbare als auch undenkbare F\u00fclle von M\u00f6glichkeiten enth\u00e4lt, eine Welt, die weder durch Zeit noch durch Raum begrenzt ist und die keinen Zeitpfeil kennt. Aber als Mensch sind wir eine gebundene Form des Lebens, gebunden an die Physis eines Organismus, gebunden an eine Richtung in der Zeit, gebunden durch Begrenzung des Raumes und gebunden durch Endlichkeit. An einer Stelle, einem Ort und einem Moment in diese Welt geworfen, beginnt zun\u00e4chst die Kette von Ursache und Wirkung unser Leben zu bestimmen, l\u00e4sst uns dieser Automatismus keine oder nur noch wenige M\u00f6glichkeiten zur Wahl.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nHier liegt unser Ausgangspunkt, hier stehen wir am Anfang unserer Praxis. Diesen&nbsp; Punkt zu erkennen, ist der erste Schritt auf dem Weg zur Befreiung aus den Rad des Lebens. Als begrenzte und gebundene Form besitzen wir nur die F\u00e4higkeit, eine begrenzte Auswahl von M\u00f6glichkeiten aufzunehmen, zu erkennen und auch zu nutzen. Diese Erkenntnis (der zweite Schritt) ist zwangsl\u00e4ufig eine Folgerung der ersten und ist von au\u00dfergew\u00f6hnlicher Banalit\u00e4t. Trotzdem sagt sie uns klar und deutlich, wie unser Leben zu gestalten sei, wenn wir Ver\u00e4nderung anstreben. Wenn wir selbst unser Leben in die Hand nehmen wollen, selbst gestalten und w\u00e4hlen wollen, m\u00fcssen wir (erstens) das bereits laufende Rad anhalten oder zumindest stark verlangsamen, m\u00fcssen uns weiterhin (zweitens) \u00fcber die F\u00fclle unserer M\u00f6glichkeiten klar geworden sein und dann (der dritte Schritt) mit Bedacht w\u00e4hlen. Jede Wahl setzt das Rad erneut in Gang, jede Wahl ist eine Begrenzung und eine Einschr\u00e4nkung zuk\u00fcnftiger M\u00f6glichkeiten. Dies ist die dritte Erkenntnis, sie folgt aus den anderen und ist unvermeidbar und unwiderlegbar. Wir k\u00f6nnen als begrenztes Wesen nur begrenzt aufnehmen, einerseits wird alles nicht aufgenommene wie ein Opfer preisgegeben und daher Leiden verursachen, andererseits wird alles aufgenommene unsere zuk\u00fcnftigen M\u00f6glichkeiten begrenzen, eine weitere Auswahl erschweren oder verhindern und daher ebenfalls Leiden nach sich ziehen.<br \/>\nWas also k\u00f6nnen\/sollten wir tun? Wir sind niemals frei in der Entscheidung, und wir k\u00f6nnen niemals ganz frei werden, denn dazu m\u00fcsste uns als Mensch Unbegrenztheit zufallen. W\u00e4hlen wir also unseren Teil aus, und dreht sich damit das Rad in eindrucksvollen Geschwindigkeit, so sind wir begrenzt f\u00fcr den Rest unserer Tage in dieser Form als Mensch, das Rad dreht sich und wir folgen ihm. Das nicht Erw\u00e4hlte wird bald als Verlust erfahren werden. W\u00e4hlen wir nur begrenzt und sparsam aus, halten wir also das Rad nur in langsamer Drehung, verzichten wir damit auf eine Vielzahl von M\u00f6glichkeiten und damit verbunden von Eindr\u00fccken zugunsten einer unbestimmten Zukunft, was zumindest im Moment des Verzichts ebenfalls als Verlust erfahren wird. Lassen wir uns treiben im Strom der immerw\u00e4hrenden Bewegung um uns herum, w\u00e4hlen wir also nicht und bestimmen wir nicht, so verzichten wir auf die Selbstbestimmtheit unseres Lebens, andere w\u00e4hlen f\u00fcr uns und wir werden zu \u201dGetriebenen\u201d. Wo liegt da die L\u00f6sung?<br \/>\nDie Bhagavad Gita h\u00e4lt daher einen Rat f\u00fcr uns bereit, der in etwa so lautet:<br \/>\nWir w\u00e4hlen aus der F\u00fclle der M\u00f6glichkeiten aus nach bestem Wissen und Gewissen, tun dann, was wir tun m\u00fcssen, aber wir gestalten unser Tun so, dass wir nicht h\u00e4ngen an den Fr\u00fcchten dieser Handlungen.<br \/>\nAber was genau bedeutet dieser Satz, und wie geschieht so etwas in der Praxis? Wie kann ich mir dies vorstellen? Ist dieser Sinngehalt dieses Satzes nicht paradox? Gerade doch aus dem Streben nach den Fr\u00fcchten heraus haben wir begonnen, den Mechanismus unseres Leidens zu durchschauen. Um das Leiden zu mindern, und das sind doch die Fr\u00fcchte unseres Strebens, haben wir doch mit einer Praxis begonnen und sind erst so auf diesen Satz der Bhagavad Gita gesto\u00dfen. Fehlt hier dann nicht etwas entscheidendes? M\u00fcssen wir dann aufgrund dieses Satzes die Wege des Vergangenen nicht trennen von den Wegen, die vor uns liegen? War der vergangene Irrweg nicht erforderlich, ja zwangsl\u00e4ufig dann auch richtig, um hierher zu finden? Und ist diese Aussage nicht eine neues Paradox, dass ich n\u00e4mlich nur auf Irrwegen zur Wahrheit finde, und mein neu einzuschlagender Weg ebenfalls ein Irrweg sein muss? Und wie kann ich mit dieser Paradoxie im Gep\u00e4ck fortschreiten?<br \/>\nDieser Sinngehalt ist unserem, zu Differenzierbarem zugeneigten einfachen Denken nicht erfassbar. Wir brauchen eine Hilfe, um dies zu erfassen. Wir m\u00fcssen sich widersprechende Aussagen nebeneinander stellen k\u00f6nnen, ohne sie in Beziehung zu bringen, ohne sie aufeinander wirken zu lassen. Diese Hilfe finden wir in der philosophischen Idee vom Hintergrund, vom Einen, vom Umgreifenden, von Gott, von Tao oder von Brahman, auf dem sich solche kontr\u00e4ren Facetten (Paradoxien) abbilden lassen.<br \/>\nAuf diesen Hintergrund sehen wir die Paradoxie wie die zwei Seiten einer M\u00fcnze, wir nehmen auf, ohne zu verarbeiten, betrachten ohne Auswahl und Urteil, verzichten also auf die Schlussfolgerung, die sich zB in der Theorie von \u201dThese, Antithese (diese bilden die Paradoxie) und Synthese (Urteil) ausdr\u00fcckt.<br \/>\nDiese Betrachtung dann schafft Bilder und Symbole, zu denen sich durch \u201dwirken lassen\u201d, das ist eine bewusst herbeigef\u00fchrte Unbestimmtheit in unserem Denken, in der unendlichen F\u00fclle der M\u00f6glichkeiten eines unbegrenzten Universums Entsprechungen finden lassen, die in ihrem Bewusstwerden als Idee sich in unserem Denken Ausdruck verleihen.<\/p>\n<p>Diese Idee (nach Platon), wir k\u00f6nnen sie auch Intuition (im Yoga) nennen, steht uns, einmal erkannt, dann als erweiterte, fast immer auch neue M\u00f6glichkeit offen. Durch ihre Herkunft aus der F\u00fclle, aus dem Hintergrund,&nbsp; verbindet sie uns symbolisch mit allem und ist daher dem, was wir als die eine Wahrheit bezeichnen, sehr nahe. Diese Betrachtung und dieses \u201dwirken lassen\u201d erreichen wir in der Praxis der stillen Meditation. Aber diese Praxis erfordert Bedingungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Bereitschaft zur Analyse, des Erkennens, was ist (jetzt und hier).<\/li>\n<li>Die Bereitschaft des \u201doffen-seins\u201d und \u201doffen-bleibens\u201d f\u00fcr unbestimmte Zeit.<\/li>\n<li>Die Bereitschaft, weiterhin zu erkennen und zu lernen.<\/li>\n<li>Die Bereitschaft, die aufleuchtenden Paradoxien solange zu ertragen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ohne diese Bedingungen ist die Meditation oft nur ein unbestimmtes Staunen, wird sie wie zu einer kurzen Flucht aus dem H\u00e4usermeer der St\u00e4dte in die freie Wildnis der Natur, von der nach der R\u00fcckkehr nichts bleibt als eine sehnsuchtsvolle Erinnerung, die bald neues Leiden gebiert. Wirkliche Meditation arbeitet im und mit dem Meditierenden, sie formt und weitet, erhellt und vermindert so Leiden. Sie braucht dazu eine Analyse und Kenntnis dessen, was ist (zB: Erkenntnis des Prinzips von Ursache und Wirkung \u2013 Karmalehre des Yoga), und sie braucht eine Methode der Vorstellung, die nicht formt, sondern wahrnimmt (zB: Philosophie der Idee nach Platon). Kenntnis, Wahrnehmung und die Wirkung der Meditation f\u00fchren nur gemeinsam zum Erfolg, so wie erst ein Tisch mit drei Beinen zum sicheren Stehen findet.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/sperzelhp.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts%2F443&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/sperzelhp.eu\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/sperzelhp.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts%2F443&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/sperzelhp.eu\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#595959\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fsperzelhp.eu%2F%3Fp%3D443&text=Karmalehre%20und%20Philosophie%20als%20Bedingung%20der%20Meditation%20des%20Jnana-yoga\" title=\"Bei X teilen\" aria-label=\"Bei X teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#000; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 24 24\"><path fill=\"#000\" d=\"M14.258 10.152L23.176 0h-2.113l-7.747 8.813L7.133 0H0l9.352 13.328L0 23.973h2.113l8.176-9.309 6.531 9.309h7.133zm-2.895 3.293l-.949-1.328L2.875 1.56h3.246l6.086 8.523.945 1.328 7.91 11.078h-3.246zm0 0\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fsperzelhp.eu%2F%3Fp%3D443\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Idee (nach Platon), wir k\u00f6nnen sie auch Intuition (im Yoga) nennen, steht uns, einmal erkannt, dann als erweiterte, fast immer auch neue M\u00f6glichkeit offen. 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