Die Frage ist doch, wo beginnt Gemeinschaft und wo kann sie enden. Endet sie überhaupt, oder sind Menschen nicht per se eine Gemeinschaft? Oder mehr noch, ist Leben auf diesem Planeten nicht per se eine Gemeinschaft? Gehört zu Gemeinschaft nicht auch das Prinzip „Leben und Leben lassen“ grundlegend dazu. Wenn wir die Insekten ausrotten, wer bestäubt dann die Pflanzenblüten, von deren Früchten letztlich auch Menschen leben? Wenn wir die Pflanzenwelt immer mehr einschränken, wer produziert dann den Sauerstoff, den wir zum Atmen brauchen und wie kann das CO2 abgebaut werden, das uns ansonsten vergiften und ersticken würde/wird, wenn das nicht (mehr) unsere Pflanzen übernehmen (können)? Das Leben besteht doch aus Gleichgewichten. Lebewesen sind das Futter von Lebewesen. Die Großen fressen die Kleinen. Und alles Tote kehrt zurück in die Welt den Kreislauf des Lebens. Es ist doch die Gemeinschaft des Lebens, dass wir schützen müssen. Um selbst weiterleben zu können, müssen alle und alles weiterleben können. Die Entwicklungen/Evolution sind/ist doch niemals abgeschlossen. Das zu erkennen ist doch nicht schwer und auch nicht kompliziert. Was wir einfügen sollten/können ist „Maß halten“ (Moderation und/oder Moderator 1) also dafür sorgen, das sich Einzelne nicht über alle anderen erheben und sie so ersticken. Wir Menschen aber sind untereinander und auch zu anderen schon auf dem Weg, dieser Einzelne zu werden oder sogar schon zu sein. Nur sehen wir uns selber nicht. Wir sehen nur die Anderen. Wir müssen aufhören damit! Wir entscheiden doch heute nahezu weltweit, wer wann und wo und wie leben darf und wer nicht. Und wir beanspruchen soviel Lebensraum für uns allein, das sich viele Arten nicht mehr in Leben einfinden können und aussterben. Ich halte das für das größte Problem der Menschheit heute. Wir müssen entscheiden, ob wir so weitermachen wollen und wie wir unsere Übermacht zügeln. Helmut Schmidt sagte einmal in einem Interview, das „das ungebremste Wachstum der Menschheit das größte Problem darstellt, das er sieht“. Diese Aussage wurde überhört, bereits vom Interviewer regelrecht ignoriert und in der Breite des Gesprächs und der Diskussion darüber niemals aufgegriffen. Wir Menschen vermeiden scheinbar gerne Erkenntnisse, deren Inhalte uns einengen, die unsere Begierden nicht zufriedenstellen oder unseren Ansprüchen die Rechtfertigung entziehen könnten. Wir sind blind auf den Augen der ganzheitlichen Sichtweisen.
Halten wir einmal fest, was ausgesagt wurde auf den letzten Seiten und fassen nochmal kurz zusammen. Die Regeln von Logik und Sprache beruhen auf Setzungen, die aus dem Ganzen nur noch Teile beleuchten können. Das ist der blinde Fleck unter anderen auch der der Wissenschaften. Nicht anders sieht es aus in den gesellschaftlichen Formen, die ebenfalls auf Setzungen und weiterführend auf Erzählungen beruhen, die uns Formen vorgaukeln, die wir ohne das nie akzeptieren würden. Das beste Beispiel dafür ist der Vorrang der Familie, die in nahezu allen Kulturen gepflegt wird. Weiterhin sind Gesellschaften der zur Zeit gewohnten Größe nur mit Machtausübung und Machtstrukturen, sprich Hackordnungen aufrechtzuerhalten, die dann wiederum zu Ohnmacht und aktiven/passivem Widerstand herausfordern, die ihrerseits Sorgen erzeugen.
Exkurs: Morgen muss ich mich impfen lassen, nicht weil es mir Sorge bereitet, das ich an der Krankheit leiden könne, die die Impfung zu verhindern sucht, sondern weil ich geimpft sein muss, um an den Einrichtungen der Gesellschaft teilhaben zu können, da mir ansonsten verboten sein könnte, zu Sportveranstaltungen, Konzerten oder Kulturveranstaltungen zu gehen oder die verhindern könnten, das man seinen Urlaub antreten kann, weil die Flug- oder Reisegesellschaften mir ihre Dienste verweigern. Gleiches gilt für medizinische und körpernahe Dienstleistungen. Die Sorge wird verursacht durch eine Sorge, die als Wirkung einer Ursache zugeordnet ist, die wiederum auf einer Setzung beruht, die weder bewiesen noch belegt werden kann. Überschreite ich den einen Termin, gelte ich künftig als ungeimpft, obwohl ich geimpft bin und muss mich wahrscheinlich erneut sogar mehrfach impfen lassen, um wieder als geimpft zu gelten. Und so sollte/muss ich mich fügen, da ich einer Gesellschaft angehöre, die das von mir verlangt und ansonsten mit Machtausübung droht, die mir heute wiederum Sorge bereitet. Heidegger zu lesen ist da doch deutlich einfacher im Verstehen-Können. Und dabei habe ich ja noch einiges ausgelassen.
Alles in Allem wäre es nunmehr Zeit, ein Fazit zu ziehen. Das ist jedoch nicht so einfach, wie die 10 Seiten, die jetzt schon beschrieben sind, es vermuten lassen. Die Frage, die mich seit vielen Jahren umtreibt, ist doch die: Ist es sinnvoll, sich in Sachen Gemeinschaft/Gesellschaft auf seiner Ansicht bezüglich Gerechtigkeit und Sinnhaftigkeit zu bestehen oder ist es nicht doch besser, sich den Mehrheiten und Gegebenheiten der Ordnung zu fügen, der man sich angeschlossen hat. Meine Ansicht dazu ist zwiespältig und nicht so einfach zu erklären. Einerseits bestehe ich auf meinen Rechten und versuche, meinen Pflichten, die ich eingegangen bin, nachzukommen. Andererseits bin ich nicht bereit, mich einer Meinung oder Ansicht anzuschließen, nur weil über Macht verfügende Menschen und Organisationen diese mir aufzuoktroyieren versuchen. Es kann also sein, das ich mich im Gegensatz zu meiner Überzeugung dazu hinreißen lasse, mich dem Druck der Gemeinschaft zu beugen, weil ich die Kraft nicht aufbringen möchte, mich den Ressentiments entgegenzustellen, die mir ansonsten drohen. Allerdings würde ich diese Nachgiebigkeit nicht verallgemeinern und somit doch von Fall zu Fall entscheiden wollen/müssen. Bei den Impfungen habe ich mich dazu entschlossen, über ein gültiges Zertifikat verfügen zu wollen, um einerseits reisen und auch meinen sportlichen Aktivitäten ungestört nachkommen zu können. Viele mögen das als schwach empfinden, aber dauernd gegen Wände zu laufen ist auch nicht gerade eine gute Idee und zeugt weder von Stärke noch von Intelligenz. Menschen sind sich anpassende Wesen, an die Umgebung, an die Gemeinschaft, an Machtverhältnisse, an das Wetter und die Nahrungsquellen. Ich finde das weder falsch noch feige. Es ist eben doch immer genau so wie es ist. Jeder hat nur ein Leben, und man sollte sich überlegen, wie man es gestalten und leben kann/soll/muss. Es gibt die ideale Lösung einfach nicht. Es gab sie noch nie, und es wird sie auch in Zukunft nicht geben (können).
Machtausübung erzeugt Ohnmacht, die erst zu Sorge und dann zu Widerstand führt. Gewaltausübung führt zu Gegengewalt, die über die Sorge zu Widerstand führt. Sorge führt zu Maßnahmen der (Vor)Sorge, die zu Verstrickungen führt, die wiederum über den so erzeugten Widerstand zu neuer Sorge verführt. In Ereignisketten zu denken verführt zur Anwendung von Kausalität und der Gefahr von Setzungen, die in der Komplexität der Gesellschaften unvermeidlich zu Ungerechtigkeit, Machtausübung, Sorge und Widerstand führen. Ausbeutung zum Beispiel der Natur führt unweigerlich zum Zusammenbruch derselben, was Sorge bereitet, die mit Vorsorge beantwortet Machtausübung erfordert, die wiederum erst zu neuer Sorge und dann zu Widerstand führt. Und diese ganze Sorgengebilde wiederum beruhen auf Setzungen, die sich aus Begehren herausbilden und deren Übermaß zu Ungerechtigkeit und weiterer Sorge führt, was wiederum Widerstand erzeugt.
Ist dieser (Kreis)Lauf nicht mehr als eindeutig erkennbar. Er beruht auf den grundlegenden Setzungen unserer Kultur. Meine Überlegung geht dahin, diese Kreise zu überdenken und vielleicht zu versuchen, sie gezielt zu durchbrechen. Dazu erscheint mir nur die Basis geeignet, die sich in Prozessdenken und Nicht-Handeln (Wu Wei, s.o.) ausdrückt. Ich empfehle daher allen, die zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen, das Studium des Taoismus und seiner Schöpfer Laotse, Zwangzi und anderer, aber nicht um zu ersetzen, sondern sich darüber die Einsichten und Möglichkeiten zu erschließen, die in der Lage wären, unsere europäische Kultur auf eine feine und vorsichtige Art und Weise erneut zu kultivieren. Die Aufgabe wäre, Mittel und Wege zu finden, diese Läufe zu dämpfen, zu glätten oder gar einzuebnen. Wie das geht und was dazu notwendig ist, lässt sich nicht niederschreiben. Dazu muss sich jeder Einzelne in der ihm zugänglichen Weise mit den Grundzügen auseinandersetzen, die seine Kultur heute prägen. Es gibt kein System, keine Doktrin, keine Ordnung, keine Vorgaben und keine Setzung, die das für alle gleich übernehmen könnte. Hier ist jeder selbst gefragt und jeder für sich allein verantwortlich. Das ist (für mich) die eigentliche Aufgabe von Spiritualität.
- Ein Moderator (von demselben lateinischen Wort mit der Bedeutung ‚Mäßiger‘, ‚Lenker‘, ‚Handhaber‘, ‚Regierer‘; abgeleitet vom Verb moderare ‚mäßigen, in Schranken halten, regeln‘) ist eine Person, die ein Gespräch lenkt oder in einer Kommunikation vermittelt. Die Tätigkeit selbst bezeichnet man als Moderation. ↩
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